Homepage Bechthold-Hengelhaupt

 

 

Informationsgesellschaft und neue Medien in der Schule

Dieser Text wird nicht mehr aktualisiert; über die Möglichkeiten, welche die neuen Medien in der Schule bieten, informiere ich in meinem Buch "Alte Sprachen und neue Medien" (siehe Link oben in der Navigationsleiste).

 

Inhalt / Navigation:
 Medien         Die pädagogische Debatte      Bildung         Zukunft      Forderungen      Fazit      Anmerkungen

Das Arbeitsfeld, das die neuen Arbeitstugenden und Kompetenzen, d.h. Selbständigkeit und Teamarbeit, sicherlich am stärksten befördert hat und erfordert, weil es den Motor der neuen Dienstleistungsgesellschaft darstellt, ist die Informationstechnologie. Es ist eine der Fragen, über die an vielen Orten, aber immer noch zu wenig gestritten wird, ob nämlich der Computer überhaupt in die Schule gehört, oder ob hier nicht die Schule wieder einmal eine Aufgabe übernimmt, an der sie sich übernimmt.

Es gibt Entwicklungen, die sicher als Beleg für diese These dienen können. Wenn Lehrern etwa zugemutet wird, komplexe Computer-Netzwerke zu betreuen, eine Aufgabe, die normalerweise von eigens ausgebildeten Netzwerkadministratoren versehen wird, dann zeigt sich, daß die anstehenden Aufgaben nicht ernst genug genommen werden.

Von solchen Ausnahmen abgesehen, ist die Schule dafür prädestiniert, sich auch den neuen Medien zu öffnen, weil sie sich schon seit jeher immer mit Medien beschäftigt hat, ohne dies jedoch immer eigens zu thematisieren. So stand im Deutschunterricht immer das Buch im Vordergrund; politisch fundierte Versuche, andere Medien zu integrieren, blieben ohne nachhaltigen Erfolg, da es an einem Bewußtsein für die Sprengkraft des Medienbegriffes fehlte.
Jetzt, da Medien für die Entwicklung der Öffentlichkeit, ja vielleicht sogar für die Form der Demokratie immer größere Bedeutung gewinnen, ist die traditionelle Nachlässigkeit gegenüber diesem Bereich nicht mehr sinnvoll.

Medien sind nicht nur in modernen Gesellschaften ein wesentlicher Weltzugang. Der Verdacht allerdings, wir kennten die Welt nur durch Medien und könnten Wesentliches über die Dinge, die uns wirklich angehen, nur vermittels der Medien erfahren, dieser Verdacht dürfte neueren Datums sein. Die modernen elektronischen Medien bieten nicht nur die Möglichkeiten der Information und der weltweiten Kommunikation, sondern sie werden auch als Prothesen verstanden und damit kritisiert, weil sie die Gefahr in sich bergen, Welt zu verstellen.

In der Tat stehen Medien, wie die lateinische Wurzel des Wortes nahelegt, immer "dazwischen". Unter Medien sollten nämlich sinnvollerweise nur die Einrichtungen verstanden werden, die ein materielles Substrat bieten, welches in den Prozeß der Kommunikation zwischen Äußerung und Rezeption tritt und welches somit den Kommunikationsaustausch prozessual vermittelt.

 In diesem Sinne kommt also nur die direkte mündliche Kommunikation, das Gespräch oder auch die öffentliche Rede, ohne Medien aus.

Der Umgang mit Medien ist keine Selbstverständlichkeit. Die Schule würde sich (wieder einmal) zuviel vornehmen, wenn sie versuchen wollte, den Schülern eine bestimmten, sinnvolle Verwendung mit Medien aufzudrängen. Die Aufgabe der Schule muß es auch hier vielmehr sein, die Chancen der Schüler für ein selbständiges Wählen zu verbessern. Indem Medien die Welt erweitern, können sie Möglichkeiten des Handelns eröffnen und somit den Handlungsspielraum des Einzelnen und so auch seine Freiheit erweitern.
 

Zukunftsaussichten

Ob wir aber wirklich vor einer Revolutionierung der Gesellschaft, ja einer Veränderung der Welt und des Zusammenlebens der Menschen stehen, einer Revolution, die vor allem von den Möglichkeiten der Computernetze vorangetrieben wird, das ist nicht so sicher, wie von einigen angenommen wird; es handelt sich hier vielmehr eine Prognose, die, so lange sie noch eine Prognose ist, so wenig wahrheitsfähig ist wie jede andere Prognose auch. Propheten der Informationsgesellschaft wie Nicholas Negroponte (2) bemühen sich, ein "Zeitalter des Optimismus" auszurufen, müssen aber zugeben, daß die Informationstechnologie keines der Weltprobleme lösen wird, aber die Möglichkeit, auf Daten, die irgendwo auf der Welt verfügbar sind, zuzugreifen, ferner die Mobilität und Flexibilität, die das Computerzeitalter mit sich bringen soll, wird, so glaubt man, eine Tendenz zur Verbindung von Menschen befördern, die sich vorher fern standen. Vorausgesetzt wird dabei, daß binnen einiger Jahre so gut wie jeder Mensch, zumindest in den entwickelten Ländern, Zugang zu Datennetzen hat.
 

Unterschätzt werden hierbei auch die immensen Kosten, die auf die Konsumenten wie auch auf die staatlichen Institutionen zukommen, welche derartige Informationssysteme anschaffen müßten.
 Die Schulen können nicht entscheiden, wohin diese Entwicklung führen wird; sie haben sich aber auf die Möglichkeit einzustellen, daß die Bedeutung der Informationstechnologie für die Arbeitswelt tatsächlich stark zunimmt.

 Es ist eher in der Lehrerschaft als unter den Schülern mit Widerständen gegen die Informationstechnologie im allgemeinen oder ihren Einsatz im Unterricht zu rechnen. Gerade für die geisteswissenschaftlichen Fächer, etwa Deutsch und Geschichte, aber auch in den Fremdsprachen gilt im allgemeinen, daß die Schüler weit mehr Wissen und Interesse mitbringen, die den Einsatz von Computern im Unterricht fördern würden, als die Lehrer. Wie allgemein dort, wo es darum geht, ob die Schule reformiert werden kann, so zeigt auch hier die Frage : "Wie motiviere ich die Lehrer zur Reform?" eine Hürde an, die durchaus zu einem Scheitern des ganzen Versuchs führen kann, die Informationstechnologie über den bereits vorgeschriebenen Mindestaufwand hinaus in der Schule zu etablieren.

 Die Schule entfernt sich hier vom Alltag der Schüler, aber auch von den Bedingungen der Arbeitswelt. Eine ernsthafte Debatte über dieses Thema fehlt, weil das Problem nicht gesehen wird. Hier ist mit vielen unreflektierten Vorurteilen zu rechnen, etwa der Art: 'Computer sind etwas für Analphabeten'; 'ich komme ohne Computer aus, also kommen die Schüler auch ohne sie aus'; 'die Schüler können das sowieso, dafür brauchen sie die Schule nicht'.
Wenn denn das Wissen um die Informationstechnologie für die Zukunft der Schüler wichtig ist, dann wäre es eigenartig, den Erwerb dieses Wissens den Schülern und ihrem häuslichen Umfeld zu überlassen, nach dem Motto: Das Wichtige lernen die Schüler ohnehin von selbst, das braucht die Schule ihnen nicht zu vermitteln.
Hier geht es auch um eine neue Form von Chancengleichheit. Die Schule muß vermeiden, daß eine Art von, überspitzt gesagt, "Informations-Proletariat" entsteht, das sich in die Welt der Computer nicht hineinfindet. Schließlich kann nicht einfach vorausgesetzt werden, daß jeder Schüler zu Hause einen Computer vorfindet.

Es ist legitim, hier den Gesichtspunkt der Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu beachten, also die sogenannte "Standortfrage", solange das Wohl der Schüler, nämlich das Interesse daran, daß die Schule sie bestmöglich auf das Arbeitsleben vorbereitet, im Mittelpunkt steht.
Zugleich ist aber auch davor zu warnen, eine Technologie überzubewerten. Technik ist immer sowohl ein Mittel sein, über das der Mensch verfügt, als auch ein machtvolles Element in seiner Umwelt, das ihm viele seiner Wege vorschreibt.
 

Die pädagogische Debatte

Bereits 1988 hat der Erziehungswissenschaftler Harm Paschen eine vergleichende Übersicht über die Argumente vorgelegt, die in pädagogischen Publikationen für und gegen den Computer in der Schule angeführt werden. Er konstatierte eine starre Frontstellung von Befürwortern und Gegnern, die die Argumente der jeweiligen Gegenseite in zu geringem Maß berücksichtigen, und er bemängelt, daß genuin pädagogische Argumente ein zu geringes Gewicht zugemessen bekommen.  (3) 
Der Eindruck ist nicht unbegründet, daß diese Frontstellung unter spezifischen Veränderungen auch heute noch fortbesteht, und zwar gerade in den Schulen, bei den einzelnen Kolleginnen und Kollegen. Die schon bei Paschen konstatierte Frontstellung von Euphorie auf der einen Seite und schroffer Ablehnung auf der anderen wurde durch den Siegeszug des Internet eher verstärkt.

Es finden sich inzwischen allerdings vielfältige Zwischenstufen. Diejenige, die ich am häufigsten beobachte, ist eine gewisse Indifferenz.
Eine andere sozusagen mittlere Position ist die, welche die moderne Informationstechnologie ausschließlich in den dafür vorgesehenen Fächern der Mittelstufe einsetzen möchte, weil es nicht die Aufgabe der Schule sei, auf alle Neuerungen im Übermaß zu reagieren. Diese Position wird z.B. von Heinz-Elmar Tenorth vertreten, der schreibt, daß es nicht notwendig sei, "alle Heranwachsenden zu kleinen Programmierern auszubilden"  ; vielmehr zeige die Analogie zum Rechtswesen -  man bildet die Schüler trotz der allgemeinen Tendenz zur Verrechtlichung auch nicht in Rechtsfragen aus - daß wichtige gesellschaftliche Fragen nicht immer von der Schule aufgegriffen werden. (4)
Ich würde hier einwenden, daß die Schule im wesentlichen nichts Neues unternimmt, wenn Medienkompetenz zum Lernziel erhoben wird, sondern daß man das Alte nur in neuer und unter veränderten Bedingungen reflektierter Weise weiterentwickelt. Im übrigen geht es ja nicht darum, alle Schüler zu Programmierern auszubilden, auch wenn unbestritten sein dürfte, daß das Bildungssystem als ganzes zu wenig fähige Informatiker hervorbringt. Aber wer sich einigermaßen sicher im Internet zu bewegen weiß, ist noch lange kein Programmierer.

Die Debatte über die Einführung und Verwendung von Computern in der Schule bewegt sich zwischen diesen beiden Polen der Begeisterung über einen Zugewinn an Möglichkeiten und der mehr oder weniger reflektierten Ablehnung einer Tendenz, welche, wie Neil Postman meint, einen neuen, gefährlichen Gott zu inthronisieren versucht, der die Jugendlichen von ihren eigentlichen Zukunftsaufgaben ablenke (4a) . Heute, 1998, ist noch kein sinnvoller Kompromiß zwischen diesen beiden Positionen zu sehen.

In der Debatte darüber, warum die Einführung der modernen Informationstechnologie an den Schulen so schleppend vorangeht, ist von Seiten ihrer Verteidiger ein ungeduldiger Ton nicht zu überhören. Rolf Sachsse beklagt sich in der Computerzeitschrift c’t darüber, daß ein Lehrer, der "mit treuherzigem Augenaufschlag" erklärt, daß er sich mit seinen 47 Jahren für den Umgang mit Computern zu alt fühlt, daraus keinen Nachteil zu erwarten hat.(4b) Man könnte anfügen, daß der erwähnte Studienrat wie selbstverständlich erwarten wird, daß er spätestens mit 65 Jahren, vermutlich aber auch früher eine gute Pension beziehen wird, die von seinen ehemaligen Schülern zu einem nicht geringen Teil an den Computern erarbeitet werden muß, in deren Bedienung sie von ihm nicht eingeführt wurden. Mit anderen Worten: Die materielle Seite der Bildung, also der Umstand, daß sie immer auch auf den späteren Broterwerb der Schüler abzielt, die wird in den meisten Schulen, gerade in den Gymnasien, im Bereich der Informationstechnologie systematisch ausgeblendet. Es ist aber dem Medientheoretiker Sandbothe zuzustimmen, wenn er in einem 1998 im Internet veröffentlichten Aufsatz sagt, daß "für die heranwachsenden Generationen ...eine gezielte Ausbildung in internetspezifischer Medienkompetenz ein zentrales bildungspolitisches Desiderat"  (4c)ist, damit die Schüler mit der für die Arbeitsmärkte der Zukunft nötigen Medienkompetenz ausgerüstet werden, daß es aber anderseits genau daran in Deutschland erheblich mangele.
     Derartige Vorwürfe waren lange Zeit unberechtigt, weil in den Schulen gar kein Bewußtsein dafür vorhanden war, daß hier ein Manko besteht. Ob sich das mit der zunehmenden Anbindung der Schulen ans Internet ändert, läßt sich schwer prognostizieren. Es gibt vielmehr erklärbare Ursachen, wenn auch keine guten Gründe dafür, warum der Computer gar nicht in die Schule paßt - das heißt in eine Schule, die sich dem "weiter so" verschrieben hat.

Wann kommt der Computer in der Schule an?
    Zunächst wird die Frage, wann der Computer an den Schulen ankommt, bei manchen Verwunderung auslösen, kann man doch auf das zunehmende Angebot an brauchbarer Lernsoftware und auf die Bedeutung verweisen, die das Internet nach und nach für die Schulen bekommt. Hier kann man die vielen, z.T. ausgezeichnet gemachten und wirklich informativen Homepages einiger Schulen erwähnen, die zeigen, daß es an den Schulen Lehrer und Schüler gibt, die mit den unüberschaubaren Fülle an Informationen und Texten arbeiten, die das Internet bereithält. Zudem wird in den pädagogischen Fachzeitschriften, aber auch in Computerzeitschriften seit längerem eine Debatte über die Möglichkeiten und Auswirkungen des Unterrichts am Computer geführt. Aber der Normalfall ist, daß ein Gymnasiast, nachdem er die Einführungsstunden in der Mittelstufe absolviert hat, nie mehr in seiner Schullaufbahn mit Computern in Berührung kommt, wenn er sich nicht eigens darum bemüht, d.h. wenn er in der Oberstufe  oder zufällig von einem Lehrer unterrichtet wird, der Computer etwa in Deutsch, den Fremdsprachen oder den Naturwissenschaften einsetzt. Dies alles ist so, als überließe man es den Schülern, ob sie eine moderne Fremdsprache lernen wollen, und beklagte sich dann, daß es Schüler gibt, die tatsächlich nur ihre Muttersprache sprechen.
Dabei gibt es kein einziges Schulfach, in dem der Unterricht nicht zumindest teilweise am Bildschirm stattfinden könnte. Ganz gleich, ob man Texte liest, Texte erstellt, in Texten recherchiert oder malt oder rechnet - mit einem Textverarbeitungsprogramm oder einer einfachen Datenbank kann überall gearbeitet werden, und zwar in gewissem Umfang selbst dann, wenn nur einfachste Hardware zur Verfügung steht.

Der Computer hat in der Schule nur dann eine Chance, wenn er als pädagogisches Instrument und als Medium für den Unterricht, für ein selbständiges Lernen begriffen wird. In dieser Perspektive erscheint es nicht als empfehlenswert, den Umgang mit Computern zum Gegenstand eines eigenen Faches zu machen, sondern vielmehr, ihn in allen denkbaren Unterrichtssituationen als Medium einzusetzen . Vielleicht ist Sport das einzige Fach, in dem sich Computer nicht einsetzen lassen.

Wie jedes andere Medium hat auch der Computer für die Pädagogik mehrere Dimensionen oder, in anderen Worten, er kann aus mehreren Perspektiven betrachtet werden.

  • Zunächst ist er einfach ein besonders mächtiges Instrument, in dessen Gebrauch die Schüler eingeführt werden sollten, damit sich ihre Chancen erhöhen, sich erfolgreich in die Arbeitswelt einzugliedern. Diese funktionale Dimension ist letztlich vom Wirtschaftssystem bestimmt.
  • Die zweite Dimension ist die im eigentlichen Sinne pädagogische. Der Computer erweist sich in der Unterrichtspraxis als ein brauchbares Medium, das selbständiges Lernen unterstützen kann und das damit gut in den Horizont einer modernen Erziehungswissenschaft paßt, die auf selbstorganisiertes Lernen setzt. Der Computer vermag bei einem der übelsten Fehler der Schule lindernd einzugreifen: bei der Konzentration auf die Fehler, die der Schüler oder die Schülerin macht. Was ich auf Festplatte oder Diskette gespeichert habe, das kann ich ohne großen Aufwand wieder ändern. Der Fehler wird so zur Vorstufe einer richtigen Lösung und ist kein Ereignis mehr, das der Lehrer kritisiert und an dem der Schüler leidet. Ähnlich wie bei der Freiarbeit oder der Gruppenarbeit verliert der Lehrer hier aber an Macht.
  • In einer dritten Dimension ist er ein Medium, das unseren Blick auf die kulturelle Überlieferung verändert. Papier- und damit „molekülgestützte" Medien erwecken den Eindruck, Texte seien unveränderlich. Sie bekommen damit eine Autorität, die zu nicht geringem Teil dem Material geschuldet ist, das sie, als Träger des Geistigen, ja gerade überwinden wollen. In dieser kulturellen Dimension zeigt der Computer, was die moderne Linguistik theoretisch aufwies, daß nämlich Texte nichts als Zeichenketten sind, die mit anderen Zeichenketten korrelieren. Das gilt für bereits bestehende Texte, die über CD-ROM oder über das Internet eingespeist werden, ebenso wie für die vom Benutzer selbst verfaßten Texte.
  • Schließlich greift der Computer in weitaus höherem Maße in die Kommunikation ein als andere Medien. Der Bildschirm fesselt die Aufmerksamkeit, und es ist kaum möglich, gleichzeitig einen Text einzugeben und jemandem anderen, etwa dem Lehrer, zuzuhören. Es gibt verschiedene Antworten auf die Frage, ob man die Relation Mensch - Computer als Kommunikation bezeichnen sollte. Aus systemtheoretischer Perspektive prozessieren nur soziale Systeme, aber nicht Maschinen Sinn. Im Gegensatz zu jeder sozialen Kommunikation steht demjenigen, der sich äußert, hier niemand gegenüber, der möglicherweise diese Äußerung versteht und der sie verstehen soll. Vielmehr gibt der Benutzer einer Maschine immer nur Befehle ein, auch wenn er dies über eine noch so benutzerfreundliche Bedieneroberfläche leistet. Diese Befehle müssen sich dem digitalen Modus der Maschine anpassen. Die Gründe für ein Mißlingen der "Kommunikation" sind demnach völlig verschieden von denen, die zu einem Scheitern einer zwischenmenschlichen Kommunikation führen. Diesen Unterschied darf man nicht verwischen.
    In allen vier Dimensionen oder Perspektiven steht, was ja auch der Begriff der Dimension anzeigen soll, das Übergreifende und Verbindende im Vordergrund. Der Computer ist, von Fächern abgesehen, die bisweilen Medien selbst thematisieren, nicht so sehr als Gegenstand der Betrachtung und des Lernens von Bedeutung, sondern als ein Instrument, mit dem kommuniziert werden kann Es geht also, wie auch Rolf Sachsse betont, um "Positionen an medialen Ritualen und Handlungen". Das schließt nicht aus, daß man sich gründlich und auf der Grundlage der erworbenen Erfahrungen mit der modernen Informationstechnologie beschäftigt.
    Wenn eine Schule über die entsprechenden technischen Voraussetzungen, etwa über einen Computerraum, verfügt und wenn diese Computer an irgendeinem Tag der Woche und in irgendeiner Schulstunde nicht genutzt werden, dann werden die Lehrer dieser Schule den Anforderungen, die an eine moderne Schule zu stellen sind, nicht gerecht.
Warum ist es nun aber der Fall, daß eine Kulturtechnik, die in der Welt der Arbeit eine solche große Rolle spielt, von den Schulen weitgehend ignoriert wird oder doch lange ignoriert wurde?
Zwei Bedingungen müssen gegeben sein, damit ein Inhalt oder eine Methode in der Schule von heute Wirklichkeit wird:

Lehrer und Schüler nehmen gleichermaßen an, daß sie sich

  1. um das kümmern müssen, was in irgend einer Weise institutionell eingebunden, d.h. durch Erlasse vorgeschrieben ist,

  2. und daß
  3. zweitens der Bereich der Notengebung, den herzlose Soziologen auch als das Feld der "Selektion" bezeichnen, um keinen Preis vernachlässigt werden darf.
Alles, was nicht unter diese beiden Bedingungen fällt, tendiert dazu, als Spielwiese von Idealisten angesehen zu werden. Das heißt: Wenn die Schüler nicht das Glück haben, zufällig von einem Lehrer unterrichtet zu werden, der auch nur mit der gängigen Software oder vielleicht sogar mit dem Internet arbeiten kann und der bereit ist, seine Zeit und Energie in die Vorbereitung von Unterricht am Computer zu investieren, dann müssen sie sich ihre Kenntnisse außerhalb der Schule erwerben.
Das erklärt nun auch, warum es immer nur das Anliegen einzelner Kollegen ist, den Stand der Informationstechnologie in der Schule und ihre Kenntnis bei den Schülerinnen und Schülern zu verbessern.
Es kommen mehrere zusätzliche Gründe hinzu. Ein gewichtiger liegt in der spezifisch deutschen Variante des Bildungsbegriffs, dessen Spätformen immer noch tagtäglich in den Lehrerzimmern der Gymnasien wirksam ist. In seiner unreflektierten Schwundstufe sagt dieser Begriff, daß echte Bildung zweckfrei und von der Sphäre der Notwendigkeit, des Broterwerbs und damit auch der Technik streng getrennt ist. Das Richtige an diesem Konzept ist, daß man tatsächlich nicht jeden Bildungsgehalt und jeden kulturellen Gehalt, wie etwa ein Gedicht oder eine Sonate, auf seine Nützlichkeit hin befragen darf; wer das tut, wird engstirnig und verkümmert letztlich auch in seiner Kreativität. Vor allem bei Gymnasiallehrern führt eine einseitige Version dieses Bildungsgedankens nun aber bisweilen sogar dazu, daß es als chic gilt, sich nicht mit Computern auszukennen; in einer etwas anspruchsvolleren Version wird die Abneigung gegen die Technik ideologisch umgemünzt, etwa in der Richtung, es sei nicht einzusehen, warum die (vermeintlichen oder echten) Vertreter des Geistes vor den Technikfetischisten zu Kreuze kriechen sollten. Ignoranz kann so zum Ausweis höherer Bildung werden.
 

Bildung läßt sich aber auch so verstehen, daß sie den Spielraum des Individuums erweitert, indem sie den Einzelnen in die Lage versetzt, seine Entscheidungen in einem möglichst weiten Horizont zu fällen und seine ethischen Motive, seine Interessen und Bedürfnisse sowie das Wissen um die Sachverhalte der Welt in einem zusammenhängenden Kontext zu vermitteln. Wie diese drei Dimensionen des Handelns - die Orientierung am Richtigen, am Interesse und an der äußeren Realität - zueinander ins Verhältnis zu setzen sind, genau darin geht es ja auch im Bereich der Medien, d.h. dort, wo über das Verhältnis von Medien und Erziehung gesprochen wird. Wer über Medien spricht und wer dabei darauf insistiert, dass der Einzelne den ihm fremden Inhalten nicht ausgeliefert ist, sondern in der Lage ist oder sich doch in die Lage versetzen kann, sich auch unter dem Eindluß der Information aktiv ein Weltbild und damit eine Ausgangsposotion für sein Halndeln zu konstruieren, der  überträgt die Gehalte des klassischen Bildungsbegriffs in moderne Bedingungen.
Wenn Wilhelm v. Humboldt schreibt:
 
"Die letzte Aufgabe unseres Daseins: dem Begriff der Menschheit in unserer Person ... einen so großen Inhalt als möglich zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung" (5) 
so spricht er damit den Unterschied zwischen Wissensvermittlung auf der einen Seite, bei der ein gegebener Inhalt unverändert in einen fremden Speicher, hier das Gedächtnis, übertragen wird, und Bildung als der tätigen Anverwandlung eines Weltinhalts an. Der Begriff "freieste Wechselwirkung" zeigt dabei auch an, daß die Analogie zu den mechanisch-technischen Übertragungsprozessen nicht zu einem besseren Verständnis von dem führt, was mit Bildung gemeint ist.

Das Problem der sogenannten Reizüberflutung besteht dann nicht darin, daß wir zuviel wüßten, sondern vielmehr darin, wie wir auf die Informationen reagieren sollen.  Es wäre nun nicht gerade der richtige Weg, wollte man den Zugang zu Information einschränken, gleichsam damit durch die so gewonnene Ignoranz das Leben leichter wird. Immer schon gehörte eiin Prozeß des Auswählens zum Bildungsprozeß. Vielmehr ist neu zu lernen, wie man genau die Informationen erlangen kann, die man benötigt, und wie man die traditionellerweise nur in einer Richtung weisenden Wege der Massenmedien so verändert, daß im Zuge der Informationsgewinnung auch Möglichkeiten des Eingreifens erkannt werden können.

Der Gegensatz zwischen der Trias Tradition, Kultur und Buch auf der einen, der Trias (Post-)Moderne, Verfall der Bildung und Computer auf der anderen ist ein irreführendes Konstrukt. Die Situation ist wesentlich komplizierter. Hier sei nur soviel bemerkt: Wenn die hermeneutische Aufgabe darin besteht, die Tradition immer neu in den Horizont der Gegenwart und damit auch in ihre Denkformen zu übersetzen, so ist nicht plausibel zu machen, warum diese Tradition zerstört wird, wenn sie in den technischen Formen der Moderne erscheint; eine derart absolute Scheidung von Geist und Technik ist nicht haltbar.
 

Notwendige Forderungen

Nur unter folgenden Bedingungen sind daher Veränderungen zu erwarten:
1.  Die Diskussion muß auf der pädagogischen Ebene vorankommen. Wer der Meinung ist, daß Schüler lernen sollten, am Computer zu arbeiten und sich auch im Internet zurechtzufinden, der muß zeigen, daß hier ein Medium zur Verfügung steht, das den Schulalltag bereichert und neue Lernchancen bietet. Wichtig ist hier, daß eine eigenständige Didaktik für das Lernen mit Computern entwickelt und an den Schulen ausprobiert wird. Empirische Forschungen haben nämlich gezeigt, daß Schüler zunächst um so mehr Vertrauen in ihre eigene Kompetenz entwickeln, je präziser die Anweisungen sind, die sie bei der Unterrichtsarbeit am Bildschirm erhalten. (6)  Es genügt also nicht, einfach die Apparate anzuschalten und dann zu sagen: "So, jetzt macht mal!" Der Lehrer muß vielmehr in der Lage sein, eine Vielzahl von Rollen während des Unterrichts einzunehmen.
2.  Jede Veränderung der Schule muß an der Einzelschule ansetzen. Diese Erkenntnis aus den Debatten um die Schulreform kann in der Weise für die informationstechnische Bildung fruchtbar gemacht werden, daß Fortbildungsveranstaltungen vor Ort für ein ganzes Kollegium angeboten werden und daß engagierte Kollegen sich bemühen, ihrer Schule auf breiter Basis ein fortschrittliches Medien-Profil zu geben. Denn die neueste Entwicklung der schulpädagogischen Debatte, die Suche nach dem Profil der Einzelschule, bietet gute Möglichkeiten, die einzelnen Schulen an ihrem Ehrgeiz und ihrer Konkurrenzkampf gegen Nachbarschulen zu packen, wenn schon die Schule „an sich und überhaupt" nicht verändert werden kann. Es hilft nur permanenter sanfter Druck, der dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn er von den Eltern, Schülern und Kollegen ausgeübt wird.
Der Weg, Fortbildung über das Internet anzubieten, überzeugt dabei nicht unbedingt. Er ähnelt dem Versuch, zu Alphabetisierungskursen per Zeitungsannonce einzuladen, m.a.W.: Die Lehrer, um die es in erster Linie gehen müßte, die nämlich den Computer überhaupt nicht einsetzen, weil sie nicht einmal über Grundkenntnisse verfügen, die erreicht man nicht über das Internet. Nur wenn sich in der Öffentlichkeit die Meinung festsetzt, daß eine Schule, die sich um die neuen Informationstechnologien nicht kümmert, ihre Verantwortung gegenüber der jungen Generation vernachlässigt, besteht die Hoffnung, daß Lehrer es vermeiden wollen, an einer derart rückständigen Schule zu arbeiten, und das können sie nur tun, indem sie die neuen Medien in ihren eigenen Unterricht integrieren.
3.  Jede neue Anforderung an den Kenntnisstand der Lehrer muß in den Ausbildungsordnungen festgeschrieben werden. Es muß eine Selbstverständlichkeit werden, daß jeder Akademiker mit den gängigen Textverarbeitungsprogrammen souverän umgehen kann, und das muß auch von angehenden Lehrern verlangt werden, schwarz auf weiß vorgeschrieben sein und in den Examina geprüft werden.
4.  Die Vereinbarung der Kultusminister, daß in den Bundesländern auf der Oberstufe der Gymnasien sogenannte Seminarfächer eingeführt werden können, ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, die Verwendung von Computern auch institutionell, und das heißt in den Lehrplänen und in den Bestimmung für die Notengebung zu verankern. Diese Seminarfächer integrieren Gruppenarbeit, Projektmethoden und die Arbeit mit neuen Medien in weit höherem Maße als der übliche Kursunterricht auf der Oberstufe, und sie werden mit hohem Gewicht in der Endabrechnung des Abiturs gewertet. Wenn dieser Ansatz auf die anderen Klassenstufen ausgedehnt wird, dann steigt auch der Druck auf die Lehrer, etwa in der Mittelstufe der Gymnasien, die ja auf die Arbeit der Oberstufe hinführen soll, diese Arbeitsformen auch zu integrieren.

Zudem müssen auch im Internet die wichtigen Ressourcen in nützlicher Form aufbereitet werden, d.h. auf die Bedürfnisse des Unterrichtsalltags zugeschnitten werden. Da das Angebot an Dokumenten ständig wächst, werden auch die Suchmaschinen zu immer weniger zielgenauen Instrumenten: Wer über eine gängige Suchmaschine etwa nach einer e-Text-Version eines Gedichtes des römischen Dichters Properz sucht, der bekommt so viele URLs (Internet-Adressen) genannt, daß die Suche nach dem gewünschten Gedicht bis zu einer Stunde dauern kann.
Nun gibt es natürlich bereits Websites, die den Anforderungen einer Dokumentensuche für den Schulgebrauch zu entsprechen versuchen. Hier wie auch an anderen Stellen finden sich vor allem Linklisten. Die Betreuung dieser Internet-Angebote, die den Zugriff auf nützliche Angebote ermöglichen und verbessern sollen, muss aber überwiegend in professionelle Hände gegeben werden. Auf die Dauer kann es nicht zu befriedigenden Ergebnissen führen, wenn die an die Schulen gerichteten Angebote im Internet fast völlig auf freiwilliger oder Hobby-Basis erstellt werden. Auch die Schulbuchverlage verlassen sich (zum Glück) ja nicht auf den puren Idealismus. Daß man aber von den Lehrern, die das Internet als Unterrichtsmedium ernstnehmen, verlangt, die nötigen Angebote auch selbst zu recherchieren oder zu erstellen, das zeigt, daß man die neuen Medien nicht als Element der Schulkultur ernstnimmt.


 

Fazit

Es läßt sich nun ein pessimistisches und ein optimistisches Szenario entwerfen, wobei das erstere leider das realistischere ist. In dieser Variante der Entwicklung bemerken die verantwortlichen Politiker irgendwann, daß die schönen und teuren Computer und Peripheriegeräte, die in den 90er Jahren angeschafft wurden, weitgehend ungenutzt herumstehen und vereinzelten bespöttelten Computerfreaks als Spielzeug dienen, auf der potemkinsche Schul-Homepages aufgebaut werden können, und weil die finanzielle Situation vor allem der Städte, also der Schulträger immer dramatischer wird, gibt man schließlich die ganze mißlungene Informationsrevolution an den Schulen auf, und die Erziehungswissenschaft addiert eine weitere Position zu der Liste der versandeten Reformversuche an deutschen Schulen.
In der optimistischen Variante werden die oben beschriebenen Möglichkeiten zum selbstverständlichen Bestandteil des Schullebens, das von der Sorge um die Zukunftschancen der jungen Generation, von einem Vertrauen auf die Selbständigkeit und Kreativität der Schüler und nicht zuletzt von der Zuversicht getragen ist, daß das Erhaltenswerte an der kulturellen Tradition auch in neuen Medien weiterleben wird.
Die Bemühungen, die Entwicklung zumindest ein wenig in die Richtung der optimistischen Variante zu drängen, müssen von all denen ausgehen, die mit Schulen zu tun haben. Eltern können die Schulleiter und die Lehrer ihrer Kinder fragen, ob und vor allem in welchem Maße Computer im Unterricht eingesetzt werden und ob zum Profil der Schule eine aktive und fortschrittliche Mediendidaktik gehört.
Zudem müssen die Medien in die Schulen hineingetragen werden. Warum sollen nicht Softwarehäuser vor Ort mit Schulen kooperieren, warum soll eine Stadtverwaltung nicht, vielleicht gar als Gegenleistung für die Finanzierung von Hardware, eine Gruppe aus Schülern und Lehrern an der Gestaltung der städtische Internetseite beteiligen?
 

Anmerkungen / Literaturangaben

Die Debatte über die Computerbildung wird auch dargestellt von: W. Koring, http://www.tu-chemnitz.de/~koring/virtsem2/homesem.htm und bei  KLEINSCHROTH, R.: Neues Lernen mit dem Computer. Reinbek 1996. Mehrere Aufsätze, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, finden sich in: KRAWITZ, Rudi (Hrsg.): Bildung im Haus des Lernens, Bad Heilbrunn ( Verlag Julius Klinkhardt) 1997
- - - - - - -

 
2: Nicholas Negroponte: Total digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder Die Zukunft der Kommunikation, Aus dem Amerikanischen von F.Fritz und H.Koop, München (Bertelsmann) 1995.  Zurück zum Text
3: Harm Paschen: Computerpädagogische Argumente. In: Unterrichtswissenschaft 16 (1988), S. 44-55.  Zurück zum Text
4: Tenorth, H.E., 'Alle Alles zu lehren'. Möglichkeiten und Perspektiven Allgemeiner Bildung. Darmstadt (WB) 1994   Zurück zum Text

4a: Neil Postman: Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung, Berlin (Berlin Verlag) 1995 (engl. The End of Education, New York 1995) Zurück zum Text
4b: Rolf Sachsse, "Was Hans nicht lernt... Medienpädagogische Praxis: Wenn die Schüler mehr wissen als die Lehrer" c't 15/97. S. 119-121(= GS I 283). Zurück zum Text
4c: Mike Sandbothe: Das Internet als Massenmedium. Neue Anforderungen an Medienethik und Medienkompetenz. Online. Internet. April 1998. Erreichbar unter http://mus.urz.uni-magdeburg.de/~iphi/ms/massmed.html Zurück zum Text
5: Wilhelm v.Humboldt, Schriften zur Anthropologie und Bildungslehre, hg. V. Andreas Flitner, Verlag H.Küpper, S.28 f (= GS I 283). Zurück zum Text
6: vgl. Klaus Konrad, Kontrolle und Tätigkeitsspielraum bei der Begegnung mit dem Computer in der Schule: Zusammenhänge und prognostische Bedeutung, in: Unterrichtswissenschaft. Zeitschrift für Lernforschung, '96, j. 24, n 1, S. 32-52 Zurück zum Text

 


URL: http://www.w-4.de/~tbhahfn/schmed.html
2. Version vom August '98
Alle Rechte bei Tilman Bechthold-Hengelhaupt

 

Diese Seite ist urheberrechtlich geschützt.Weiteres>>. - Distanzierung von fremden Inhalten (Disclaimer).